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Interview mit Pete Philly: “Wir alle tragen Masken – die ganze Zeit”

Pete Philly ist als eine Hälfte von Pete Philly & Perquisite bekannt geworden. Nachdem sich das Duo 2009 getrennt hat, veröffentlicht der Niederländer mit karibischen Wurzeln am 27. Januar nun erstmals eine Solo-LP. BACKSPIN traf den gut gelaunten Pete im Anschluss an den Sound-Check zur offiziellen Deutschlandpremiere des Albums in Berlin und sprach mit über sein neues Projekt, sowie über die niederländische Hip-Hop-Landschaft und seine Schauspielambitionen.

Hey Pete. Bevor wir auf dein neues Album zu sprechen kommen, lass uns ein wenig über deine bisherige Arbeit mit Perquisite reden. Das Projekt war recht erfolgreich, weshalb sich viele bestimmt Fragen, warum du nun alleine unterwegs bist.

Also, zuerst einmal ist Erfolg sehr subjektiv. Wir waren zwar sehr erfolgreich, aber unsere Freundschaft war es nicht, deshalb wurde es zu hart, zusammenzuarbeiten. Außerdem fühlte ich mich in meiner Rolle als Musiker auf den Status „MC“ reduziert, weil viele Leute immer sagten, ich sei nur ein MC und den Rest der Musik macht Perq. Das war faktisch einfach falsch. Ich war für die Musik genauso verantwortlich, aber so wurde das nicht gesehen. Im Grunde haben Perquisite und ich viel Ego-Scheiß gemacht. Er wollte der Frontmann sein, was er er nicht war, denn ich war es. Einfach eine Menge Bullshit. Es war schwer sich zu verwirklichen, aber es ist auch schwer sich jetzt alleine zu verwirklichen. Wenn da zwei Typen mit großem Ego sind, ist das ein Problem.

Dennoch seid ihr viel getourt in den letzten Jahren und seid durch Europa, die USA , Japan und Afrika gereist. Gab es da ein Land, in dem du den Erfolg nicht erwartet hättest? Deutsche Künstler sind beispielsweise oftmals erfolgreich in Japan und eigentlich weiß niemand genau warum.

Weil die Japaner nichts alleine machen. Alles was sie machen ist eine Art Abklatsch, beispielsweise vom Britpop. Deswegen brauchen sie die Europäer und Amerikaner, die für sie die Musik machen. Sie sind sehr gut im Nachmachen und Verbessern von Dingen, wie Elektronik-Kram und Autos oder Mikrophone. Aber Musik, die von der Seele kommt, kann man nicht einfach imitieren. Das mag vielleicht ein Grund sein, warum deutsche Acts in Japan erfolgreich sind.

Und wie sieht es mit deinem Erfolg aus? Gab es ein Land, das dich wirklich beeindruckt hat?

Ich habe überall eine sehr ähnliche Fangemeinde. Ich bin überall underground, außer in den Niederlanden, wo ich recht bekannt bin. Das liegt aber wohl einfach daran, dass ich dort lebe. Die Menschen in Austin, Texas, haben mich sehr beeindruckt. Ebenso in Paris, das mich jedes Mal beeindruckt, wenn ich da bin. LA war auch sehr beeindruckend und auch Berlin, wo wir vor drei Jahren oder so einen phänomenalen Auftritt im „Lido“ hatten. Aber auch Hamburg und Köln waren großartig. Einfach eine Menge von Städten hat mir gefallen.

Genug von Vergangenem. Lass uns über deine neue LP reden: Mit welcher Intention bist du an diese Platte gegangen? Welches Konzept oder welche Idee steckt dahinter?

„Open Loops“ habe ich vorher gemacht. Es war mein erster Versuch, meine eigenen Songs zu produzieren. Dabei habe ich gemerkt, dass ich bereit dafür bin, und habe mich dann an „One“ gewagt. Ich wollte einen Unterschied zwischen diesen beiden Projekten machen. „Open Loops“ ist mehr Hip-Hop und nicht allzu kompliziert und „One“ ist mehr künstlerisch, introvertiert und eher ein Hör-Album. Da drauf sind keine wirklichen „Banger“. Es ist vielmehr als ein Hörerlebnis konzipiert. Die Themen handeln davon, sich verloren zu fühlen, weil ich mich zu der Zeit wirklich verloren gefühlt habe. Mit Perquisite habe ich über sechs Jahre zusammen gearbeitet. Nach so einer langen Zeit hast du deine eigenen Methoden, Dinge zu erledigen, und all das verschwand, als wir uns getrennt haben. Zur gleichen Zeit hat sich meine langjährige Beziehung gelöst, sodass ich wirklich alleine war und alles ausprobieren musste, wie zum Beispiel in diesem Alter Single zu sein, wie man produziert, komponiert, in der Musikindustrie besteht. Im Grunde war ich fertig mit der Musik und habe erstmal geschauspielert. Als ich dann aber meinen Schauspiel-Agenten akquiriert habe, dachte ich mir plötzlich, bevor ich das mache, muss ich mich erst einmal musikalisch emanzipieren! Deshalb kann ich auch nicht über „One“ reden ohne über  „Open Loops“ zu sprechen, denn das sind zwei spezifische Projekte dieser Zeit, die wie ein Yin und Yang sind.

Wo hast du „One“ aufgenommen?

Den größten Teil habe ich in meinem eigenen Studio in Amsterdam aufgenommen, wo ich auch lebe.

Wie sieht es mit Feature-Gästen aus? Wer war alles an diesem Projekt beteiligt?

Auf „One“ ist nur ein Typ mit drauf: Alain Clark. Er ist ein Soulsänger aus den Niederlanden. Wir sind schon länger befreundet und weil ich diese ganzen Songs hatte ohne ein einziges Feature, sagt ich zu ihm, lass uns einen Track machen. Kurz vorm Ende des Aufnahmeprozesses haben wir dann noch einen gemeinsamen Song aufgenommen. Er ist aber der einzige, der mit dabei ist. Auf „Open Loops“ gibt es einige Features, deshalb fühlte ich mich danach, das „One“-Album ohne Features zu machen. DJ PCM ist auch wieder dabei.

In den Niederlanden ist „One“ bereits erschienen. Wie ist die Resonanz bisher?

Von Kritikern wurde es bisher gefeiert. Ich sollte das vielleicht besser nicht sagen, weil jemand von BACKSPIN es verreißen könnte, aber es hat nichts außer gute Rezensionen erhalten. Die Kritiker mögen es also.

Pete Philly – One [official video] from PIASGermany on Vimeo.

Auch wenn es immer schwierig ist, die eigene Musik einem Genre zuzuordnen, könntest du vielleicht trotzdem versuchen, den Lesern in deinen eigenen Worten zu erklären, was für Musik du machst. Wie würdest du deinen Stil definieren?

Was ich mit Perq gemacht habe, war so eine Art jäzziger Hip-Hop mit Saiten, um es wirklich simpel zu beschreiben. „One“ ist eher von Hip-Hop beeinflusste Soul-Musik mit Pianos, meiner Stimme, Chören und Beat-Box und solchen Sachen. Auf diesem Album rappe ich nicht so viel, wie ich es auf „Open Loops“ getan habe. Auf den ganzen Tracks sind ungefähr acht Rap-Verse. Es ist aber dennoch Hip-Hop. Meine Wurzeln liegen im Hip-Hop und ich sehe mich als Hip-Hop-Künstler, aber mit der Zeit singe ich immer häufiger und reime immer seltener. Ich suche immer bei jedem Song nach Noten, bei denen ich Rap singen kann, sodass sie gleichzeitig die Aggression von Rap und die Eindringlichkeit von Gesang haben. Ich denke, mit Gesang kannst du gewisse Frequenzen und Level erreichen, die du mit Rap nicht erreichen kannst. Andererseits kannst du Dinge mit Rap schaffen, die mit Gesang nicht möglich sind.

Was hältst du davon, wenn Rapper ständig betonen, dass sie doch Musiker seien und nicht so sehr Hip-Hop-Artists, damit sie nicht Gefahr laufen, auf letzteres und die damit durch die Medien produzierten Negativ-Assoziationen reduziert zu werden?

Ich kann das verstehen, aber wenn du rapst, dann sag das. Ich bin ein Komponist, Produzent, Sänger, Schauspieler und ich rappe, deshalb denke ich, bin ich berechtigt zu sagen, dass ich ein Künstler bin. Und ich repräsentiere nach wie vor Hip-Hop im vollen Umfang! Das ist etwas, was mich wirklich anpisst, denn das sind nicht wir. Ich meine, Hip-Hop ist das wichtigste Genre des verdammten 20. Jahrhunderts – zweifellos! Mehr als Jazz, mehr als Funk, mehr als Soul und mehr als Klassik, weil es ein Genre ist, das erstmals den Schlüssel gefunden hat, um in jede andere Version von Musik eingebracht werden zu können. Es ist die musikalische Musik, die es gibt. Doch durch die Medien wurde es auf jene Vorurteile reduziert. Das Ding ist, die selben Personen, die  Hip-Hop als eindimensional kritisieren, beziehen sich ständig nur auf diesen reduzierten Hip-Hop. Währenddessen wird dieser ganze Kram, der unterhalb dem Mainstream-Scheiß läuft – und da gibt es eine Menge coole Crossover-Geschichten und andere wunderbare Sachen – niemals bekannt gemacht. Die Medien haben es soweit reduziert, dass du es anders nennen musst, wenn du Hip-Hop machst. Du musst immer sagen, dass du ein Funk-Artist oder Soul-Artist bist. Der einzige Grund warum ich mich aber als einen Soul-Artist sehen kann –  und es ist wichtig, dass du das weißt – ist, weil ich mich verbunden fühle mit den Chor- und Gospel-Sachen und dem Soul-Gesang, die ich auf dieser Platte mache. Dazu bin ich aber durch den Hip-Hop gekommen und ich würde immer noch jeden, der mich battlen will, freundlich einladen. Ich würde jeden bitten mich zu testen, der meint, ich bin jetzt ein Sänger und kann nicht mehr rappen.
Dennoch kann ich das ganze Verstehen. Leute in den Niederlanden verhalten sich genauso. Es ist seltsam. Ich habe von diesem Typen gehört, Bushido oder so, der Millionen Platten verkauft. Wenn du nicht willst, dass Hip-Hop als zurückgeblieben gesehen wird, dann hör verdammt nochmal auf seine Platten zu kaufen. Hör auf nur diese eindimensionale Version von Hip-Hop zu unterstützen. Die Europäer nehmen ihre Anregungen aus Amerika und wenn in Amerika Künstler wie zum Beispiel De La Soul ein neues Album raus bringen, wollen die dort nicht einmal das Video spielen, weil sie entschieden haben, so etwas existiert nicht mehr. Es ist schräg und es fühlt sich für mich irgendwie leer an. Nicht nur die Falschheit, denn im gefühlvollen Hip-Hop gibt es auch eine Menge Falschheit und Leute die vorgeben aufrichtig zu sein. Am Ende des Tages will jedoch jeder nur einen Stich landen, einen Burger fressen und schlafen gehen. So sind wir und es ist o.k. so banal zu sein, aber das ist etwas, was mich beschäftigt.

Mit sechs Jahren bist du von der karibischen Insel Aruba in die Niederlande gezogen, wo du nach wie vor lebst und an deiner Musik arbeitest. Gibt es dort eine große, aktive Hip-Hop-Szene?

Ja, es gibt eine. Ohne viel über die deutsche Szene zu wissen, denke ich, sie sind vergleichbar. Sie ist mehr national und wenig ist auf englisch. Ich glaube, nur ich und zwei weitere Personen machen Hip-Hop auf englisch. Wir alle kommen aus der Karibik. Das ist der Grund denke ich. Wir sind eben mit der Sprache aufgewachsen Die niederländischen Sachen sind wie der amerikanische Kram und reizen mich nicht so, wie andere Künstler es tun, von denen es vielleicht zwei oder drei gibt und die wohl in der gleichen Schiene laufen wie – wie heißt er noch? – Samy Deluxe. Im Grunde ist es der gleiche Kram in einem anderen Land. Die Europäische Version vom Amerkanischen, mit dem nihilistischen, simplen, elektronischen Zeug oben und einigen lyrischeren Dingen im Untergrund. Dass man wenig voneinander kennt, hat mit der Sprachbarriere zu tun. Es gibt wenige Leute in den Niederlanden, die deutsch sprechen. Peter Fox kam aber im letzten Jahr mit einem Song über die Grenze, der ein Hit und im Radio gespielt wurde.

Wie sehen deine Pläne für die Zukunft aus? Kommst du wieder nach Deutschland?

Ja, auf jeden Fall. Ich mag Deutschland. Ich mag, wie groß Hip-Hop hier ist. Ich meine, es ist offensichtlich groß genug, damit ein Typ aus den Niederlanden her kommen kann. Ich habe aber auch ein Management in den Staaten, sodass ich auch dort mit Leuten arbeiten und touren werde. Niederlande, Deutschland, Frankreich, England, Skandinavien und die USA, das sind die Orte, in denen ich im kommenden Jahr am meisten machen werde, denke ich.

Vor zwei Jahren hast du dich erstmals als Schauspieler versucht. Ist das etwas, was du in naher Zukunft weiterführen möchtest?

Das war nicht mein erster Versuch, aber es war das erste Mal, dass die Leute es bemerkt haben, weil sie wussten, wer ich bin. Das lustige ist, dass ich eigentlich immer Schauspieler sein wollte und ich denke, ich könnte sogar ein besserer Schauspieler als Musiker sein oder zumindest genauso gut.

Gibt es denn da Ähnlichkeiten? Immerhin musst du als Schauspieler ja in eine gänzlich fremde Rolle schlüpfen, wohingegen du als Musiker doch eigentlich dich selbst auf der Bühne repräsentierst, oder?

Das Ding ist, wir alle tragen Masken – die ganze Zeit. Deine Energie, die du jetzt gerade mit mir hier hast, ist völlig anders als die, die du zum Beispiel mit einem deiner Freunde hast. Oder mit deiner Freundin und das nicht nur, weil du sie liebst und ich keine Titten habe, sondern, weil du dich immer auf einer sehr unterbewussten Ebene verschiedenen Leuten unterschiedlich präsentierst. Auch wenn ich ein sehr persönlicher Künstler und sehr ehrlich mit introperspektiven Lyrics bin, ist meine Bühnenpersönlichkeit doch wie ein Jahrmarkt-Spiegel meiner Selbst. Musiker zu sein ist eigentlich einfacher als Schauspieler zu sein, weil du als Musiker einige Dinger übertreiben und andere unter den Tisch fallen lassen kannst, von denen du nicht willst, dass sie andere bemerken. Prince zum Beispiel ist unsicher, weil er klein ist. Deswegen trägt er diese High-Heels. Was er aber zeigt, ist, dass ein heißer Typ ist, der alle Frauen haben kann, Selbstbewusstsein. Deswegen denke ich, braucht es mehr Mumm, Schauspieler zu sein. Du musst mit deinem Körper und dem, was du bist, im Reinen sein. Als Sänger kannst du dich auf der Bühne dagegen größer machen als du bist. Deshalb ist es auch seltsam für Leute, wenn sie mich treffen, weil ich so ruhig bin und nicht so übertrieben extrovertiert, wie ich es auf der Bühne bin. Das auf der Bühne ist einfach eine Aufführung.
Um auf die Ähnlichkeiten zu kommen: Es gibt welche. Wenn du einen Song spielst, den du vor Jahren geschrieben hast, musst du dich zurück in die damalige Energie bringen. Sogar während der Aufnahmen zu einem Lied ist das so. Wenn du den ersten Vers eines Songs aufnimmst und den zweiten erst nach einer Woche, dann musst du dich wieder zurückversetzen in die vergangene Gefühlslage. Ich glaube, das ist der Grund, warum viele Musiker auch schauspielern. Es ist einfach die Entfaltung der ohnehin bestehenden  Notwendigkeit, eine Rolle zu spielen, auch wenn es nur für ein Lied ist. Angenommen, ich schreibe einen Song über die Trennung von meiner Freundin, dann muss ich zurück gehen zu diesem Moment, in dem ich sehr traurig war oder vielleicht auch glücklich, auch, wenn ich ich mittlerweile wesentlich gelassener darüber denke.

Was ziehst du denn vor? Theater oder Film?

Mein amerikanisches Management hat mit mir darüber gesprochen, dass ich vielleicht probieren kann, ein paar Rollen in amerikanischen Shows zu übernehmen. Das würde mir gefallen, denn Philly zu sein, ist wie, nur eine Rolle zu porträtieren und diese Rolle habe ich selbst gewählt und ich liebe sie. Was ich aber wirklich gerne einmal machen würde, ist, eine Rolle zu spielen, die mir völlig fern ist, zum Beispiel einen homosexuellen Buchhalter. Nichts könnte weiter entfernt von mir sein als das. Das wäre etwas für mich, weil es dich eine Sache lehrt: Empathie. Und ich denke, viele Künstler müssen etwas über Empathie lernen, weil man als Künstler sehr auf sich bezogen und vom Ego geleitet ist. Ich würde sehr gerne mehr darüber erfahren, wie es ist, nicht Pete zu sein. Das Schauspiel ist wie die Psychologie eine gute Möglichkeit das zu tun. Wenn ich lernen müsste, zu verstehen, was es heißt, ein Homosexueller zu sein oder ein Buchhalter oder ein Krimineller oder was auch immer, das ich nicht bin, dann würde das mehr Empathie für andere Menschen kreieren. Genau das ist es, was ich will. Ich will fähig sein, empathisch zu allen Menschen zu sein. Musik ist aber auch ein guter Weg dahin. Ich habe Menschen in Afrika, Asien, Europa und Amerika gesehen, die alle exakt gleich auf die selben Texte und die selbe Musik reagieren. Das hat für mich bereits eine Verbindung zur Menschlichen Art hergestellt und das Schauspiel kann eine großartige Möglichkeit sein, dies auszubauen. Das würde ich wirklich gerne machen.

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