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Interview mit Alpa Gun über Aggro Berlin, Sektenmuzik und “Almanci”

Foto: Murat Aslan

Im siebten Stock des Universal-Gebäudes mit Blick über die Spree und Berlin treffen wir Alpa Gun. Neben dem Release seines neuen Albums „Almanci“ stehen auch Themen wie die Schließung von Aggro Berlin, der aktuelle Stand von Sektenmuzik und vor allem die Frage, wie viel CDs man eigentlich verkaufen muss, um aus der Scheiße zu kommen, auf dem Programm.

Bist du im Nachhinein froh, nie bei Aggro Berlin gesignt zu haben?

Ein bisschen schon! Ich hätte beinahe bei denen gesignt. Ich habe mit keinem der Chefs ein Problem, mit Specter würde ich sehr gerne arbeiten, weil er immer ein Mentor war. Mit ihm hat man auch mal rumprobiert, kam auf neue Ideen und er hat einem immer klar gemacht, was Sache ist. Das waren sehr nette Menschen, aber ich wollte nicht bei Aggro Berlin versteckt sein. Aggro Berlin war für mich Sido – der Rest nicht. Alles was dann kam, egal ob Bushido oder Fler, kam alles nach Sido. Man sieht ja im „Weihnachtssong“-Video, wie Bushido hinter Sidos Rücken steht und mit ihm zusammen da ist oder besser gesagt seinen Arsch leckt, damit er auch weiter kommt mit Musik. Ich erinnere mich auch an die Zeiten, als Fler bei Aggro Berlin an die Tür geklopft hat und unbedingt auch dabei sein wollte. Und für mich war eben Aggro Berlin Sido, dann B-Tight und dann Fler, Bushido, dann Kitty Kat und Tony D. Das war alles zu viel! Und ich wollte da nicht als Sechster nach Bushidos Abgang hinzukommen, das war mir zu viel, ich wollte nicht im Hintergrund stehen. Deswegen dachte ich mir, wir versuchen diese Sektenmuzik-Sache und da bin ich im Vordergrund: Alpa Gun – Sektenmuzik! Und nicht Sido, all die anderen Namen und dann Alpa Gun – Aggro Berlin! Das war mir sehr wichtig und auch wenn ich nicht so viel verdient habe, wie ich angeblich hätte verdienen können bei Aggro, war ich glücklich damit. Ich wollte im Vordergrund stehen, als Haupteinnahme vom Label und das war auch so!

Dein Debüt-Album kam über Sektenmuzik, Sido und Bobby haben dich aufgebaut, jetzt das Release beim Major Universal: Warum und wie kam es dazu?

Wollen wir ehrlich sein, wa? Sektenmuzik ist ja kein „richtiges“ Label. Es funktioniert nicht wie ein Label. Sido hat viel zu tun, Bobby hat viel zu tun. Und sie können diese komplette Managerrolle nicht übernehmen und nicht die Promo machen, die ein Künstler braucht. Wir hatten mal jemanden, der sich um mich gekümmert hat, aber der hat nur halbherzig gearbeitet. Deswegen habe ich Sido in der Zeit, in der ich mein Album gemacht habe, gefragt: „Digger, wollen wir mein Album unter diesen Umständen bei Sektenmuzik rausbringen?“. Ich hab ja nach meinem ersten Album noch eine EP rausgebracht und die war für mich wie ein zweites Album, aber mangels Promo ist die leider untergegangen und das war sehr schade, denn ich habe da sehr viel Herz reingesteckt. Und dass ich mit solchen Sachen übersehen werde, war mir zu schade und Zeitverschwendung, deswegen haben wir hier bei Neffi (A&R von Universal Urban) gefragt, ob er Lust und Zeit hätte, mit mir zusammen zu arbeiten. Also haben wir einen Bandübernahmevertrag gemacht, Sido hat immer noch Mitspracherecht, halb Universal, halb Sektenmuzik. Für mich ist das okay, weil ich selber entscheiden kann, welche Songs darauf kommen etc. Aber ich könnte mir auch vorstellen, wenn das funktioniert – und bisher läuft es sehr gut, ich gebe Interviews, die Backspin schreibt wieder über mich, ich werde im Internet promotet, Saturn-Autogrammstunde, … – einen Künstlervertrag zu unterzeichnen, falls die Leute von Universal noch Lust haben. Aber ich bin kein Typ der Sektenmuzik im Stich lässt, die könnten weiterhin beteiligt sein und das Logo wird weiterhin auf meinen Alben sein!

Wen würdest du dir wünschen, dass er deine CD hört?

Ich würde mir wünschen, dass Leute, die vor HipHop Angst haben, meine Musik hören. Leute, die mich schon kennen, die wissen, was sie erwartet: Alpa Gun, die Stimme der Straße. Ich würde mir mehr Frauen in Arztpraxen, Doktoren, hart Arbeitende in Fabriken, Bauarbeiter etc. wünschen, die bei mir mal reinhören und sich ein Bild machen können, wie ihre Kinder auf der Straße leben und sich vielleicht auch ein bisschen mehr um sie kümmern. Und dass sie sich vielleicht auch ein bisschen selber motiviert finden und sagen: Der hat Recht, der redet auch für uns!

Auf „Almanci“ zeigst du dich als heimatloser Deutschtürke. Woher kommt dieser Drang nach einer festen „Heimat“?

Für uns ist das schwer. Wir sind nicht als Migranten hierher gekommen, sondern unsere Eltern. Wir sind hier geboren, hier zur Schule gegangen, wir sind hier „deutsch“ aufgewachsen, nicht türkisch. Trotzdem werden wir immer angeguckt, als ob wir nicht von hier sind. Ein Ausländerblick. Und das tut weh! Wenn ich im Ausland bin oder sogar in der Türkei: Nach 1-2 Wochen will ich wieder zurück! Und sobald ich durch diese Grenze durchfahre und dann den Berliner Bär sehe, sage ich: „Wieder zu Hause!“. Sogar mein Vater sagt: „Du bist ein Deutscher. Du bist hier geboren, aufgewachsen, hier ist dein Land, deine Heimat!“. Drüben ist man nur zu Besuch, zum Urlaub, Familienbesuch. Und da ist der gleiche Blick, da werden wir auch nicht als richtige Türken gesehen, sondern als Almanci. Und das ist dann auch wieder komisch für uns.
Ich kann damit leben, dass ich zwei Heimaten habe, mein Blut ist türkisch, aber mein „Ich“ ist deutsch! Ich spreche sogar deutsch besser als türkisch.

Was zeigst du Freunden aus der Türkei in Deutschland/Berlin?

Meine Nichte hat mich mal besucht und will auch entweder hier oder in Amerika studieren. Ihr habe ich gezeigt, wo ich zur Schule gegangen bin, wo ich aufgewachsen bin, wo ich einkaufen gehe. An erster Stelle also mein Viertel. Und dann natürlich die Sehenswürdigkeiten: Bundestag, Potsdamer Platz, Kudamm, die Gedächtsniskirche, die noch vom zweiten Weltkrieg da steht, die Uhr im Europacenter. Ein bisschen Wiese hier und Wiese da, hier gibt es kein Meer, aber wir haben Kanäle und Parks. So etwas habe ich ihr gezeigt. Und Berlin ist eine schöne, verrückte Stadt, wo kein Mensch Langeweile hat.

In deiner Presseinfo bei Universal steht: „Und wenn es nicht reicht, um raus zu kommen aus der Scheiße, so reicht es immerhin, um raus zu kommen und seine Geschichte zu erzählen“ – wie viel CDs musst du denn verkaufen, um „raus zu kommen“?

Gute Frage … Hauptsache ist, ich kann meine Miete bezahlen und mir alles selber leisten. Ich komme raus aus der Scheiße, in dem ich Ordnung in meinem Leben habe, in dem ich mir eine bessere Gegend leisten kann. Aber das ist eine sehr gute und schwere Frage … Vielleicht brauchst du schon ein paar 100.000 Euro, damit du dir ein Haus kaufen kannst. Aber ich weiß selber nicht, wie meine Zukunft aussehen wird und auch wenn es mir richtig gut geht und ich richtig Geld verdiene, werde ich in der Gegend wie jetzt wohnen und leben. Aber das Wichtigste ist, ich kann meine Geschichte loswerden, über Sachen reden, die ihn mir stecken. Und an der Rapgeschichte ist das Positive, dass die Leute zuhören und wissen, was ich zu sagen habe. Aber wie viel ich verkaufen muss, um hier rauszukommen, das weiß ich nicht. Ich glaube, dafür müsste ich schon ein Xavier Naidoo sein, damit ich ein besseres Leben als jetzt habe. Aber ich bin glücklich mit meinem Leben, ich kann die Miete zahlen und alles andere auch.

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