Interview mit Jay Farmer: “Eine gewisse Reife ist nicht nur beim Wein von Vorteil”
Musik aus dem Dorf muss nicht zwingend Country sein, wie uns Jay Farmer beweist. Der Mann aus’m Kaff bietet waschechten Rap vom Land. Mit Unterstützung seiner eigenen Band hat er gerade sein neustes Album „Dorf Rap“ am Start. Wir konnten das sympathische Landei ein wenig aus seinem idyllischen Alltag reißen und ihn für ein Interview gewinnen. Wer also schon immer mal wissen wollte, was Dorf-Rap eigentlich ausmacht und wie Jay Farmer von der Mistgabel zum Mic kam, der sollte nun aufmerksam weiterlesen.
Gib unseren Lesern doch bitte einen kurzen Einblick über deine idyllische Herkunft.
Höööy. Nun, mein knapp 2200 Mann, Frau, Dorfbuwe und Mädlen starkes Kaff heißt Büchenau und liegt in Nordbaden in der Nähe von Karlsruhe. Wir sind im Umkreis unangefochtene Faschings-, Spargel- und Moschd-Hochburg. Wer was anderes behauptet wird geteert und gefedert!
Wie kamst du ursprünglich zum Rap?
Relativ traditionell im Hip-Hop-Sinne. Mein Kumpel (DJ Flip Sanderz) kaufte sich Ende der 90er Jahre zwei 1210er, sowie nach und nach Unmengen an Platten. Ich nahm zunächst mit der kostengünstigeren Variante Mikrofon vorlieb. Eins kam zum Anderen, in Form von weiteren MCs und ratz fatz war die erste Hip-Hop-Kombo formiert. Der Vollständigkeit halber muss ich noch gestehen, dass Sanderz und ich ursprünglich in einer Hardcore-Band gespielt haben, wir uns aber nach nur einem Konzert einig waren, dass dieser Erfolg nicht mehr zu toppen sei und dann auf Rap umgestiegen sind, um eine neue Herausforderung zu suchen.
Woher stammt das Pseudonym „Jay“?
Die Namensfindung verlief relativ unspektakulär. Ich wollte einen Namen, der meine ländliche Herkunft erahnen lässt bzw. unterstreicht. Erst dachte ich an Joe Farmer oder Farmer Joe, was mir dann aber etwas zu langweilig und abgedroschen klang. Jay Farmer hat da doch, ich will mal sagen, eine gewisse Frische. So wie Landluft. Außerdem reimt sich meine Begrüßungsfloskel „Höööy“ besser darauf.
Bist du wirklich ein Farmerjunge?
Mein Großvater väterlicherseits war Landwirt. Auch mein Vater hatte in seinen jungen Jahren am Hof mit angepackt. Ich habe leider nur die letzten Züge des Ganzen miterlebt, die aktive Landwirtschaftszeit war zu meiner Kindheit relativ vorbei, aber der Hof mit Scheune und allem drum und dran ist noch vorhanden, was als Kind natürlich super spannend war. Ob jetzt Farmerjunge im engeren Sinne oder nicht, finde ich sowieso weniger wichtig. Wichtig ist die Affinität zum Landleben, zum Dorf – und für mich gehört dies zu meiner Identität.
Wo bestehen die hauptsächlichen Hürden eines Farmerjungen beim Versuch, die große Rap-Landschaft zu erobern?
Ich weiß nicht, ob es richtig wäre zu sagen, die Hürden sind für einen Farmerjungen größer als für Musiker aus der Stadt. Der Konkurrenzkampf ist insgesamt sehr groß, da es einfach wahnsinnig viele Musiker gibt und das Internet regelrecht vollgestopft ist. Ich will jetzt auch überhaupt nicht über diese Tatsache lamentieren, entweder man hat Spaß an der Musik oder man sollte es sowieso besser bleiben lassen. Es ist natürlich alles sehr, sehr schnelllebig geworden, dennoch setze ich momentan eher auf Qualität statt Quantität, da es für mich ein Anspruch ist, den ich selbst auch an andere Musiker, die ich gerne höre, habe. Früher war es mehr mein Ding, ein Track nach dem Anderen rauszuhauen, einfach um immer wieder präsent zu sein. Man merkt jedoch schnell, dass es dann schwierig wird, die Sache auf einem hohen Niveau zu halten. Heute beschränke ich mich lieber auf die Songs oder Projekte, die mir auch nach einer gewissen Lagerzeit immer noch sehr gut gefallen und setze diese dann dementsprechend bestmöglich um. Eine gewisse Reife ist nicht nur beim Wein von Vorteil. Wenn dann ein starker Song bei rauskommt, der bei den Leuten gut ankommt, dann hat man alles richtig gemacht. Mir geht es auch weniger darum (um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen), die Raplandschaft zu erobern, sondern generell die Menschen für meine Musik begeistern zu können. Auf Konzerten stelle ich fest, dass Leute mit unterschiedlichen Geschmäckern und unterschiedlichen Altersklassen Spaß an meiner Musik haben und das ist für mich alles, was zählt. Es gibt kein schöneres Kompliment als von alten Metal-Veteranen zu hören „Ich mag Rap ja eigentlich nicht, aber was du machst find ich stark“. Von daher versuch ich einfach, mich auf meine Musik zu konzentrieren, die zu mir passt und weiterhin Spaß an der Sache zu haben.
Was unterscheidet „Dorf Rap“ von gewöhnlichem (Stadt-)Rap?
Zum Einen natürlich die Inhalte, wobei ich mich jetzt nicht in jedem Song über das Landei-Dasein auslasse, aber irgendwie schwingt die Thematik natürlich immer ein Stück weit mit. „Dorf-Rap“ soll jedoch kein Album sein, das sich vom Rap als solchen abgrenzt. Ich liebe Rapmusik, habe ein Regal voll mit Platten, bei denen wirklich fast kein Klassiker fehlt und bin nach wie vor ein absoluter Fan der ganzen Kultur. „Dorf-Rap“ ist für mich einfach eine weitere Facette, mein Beitrag zur Kultur aus meinem lokalen Kontext gesehen.
Hast du Probleme ernst genommen zu werden, gerade weil du das Image des Dorfjungen ja offen manifestierst?
Eigentlich nein. Ich kann mir aber als unabhängiger Künstler auch aussuchen, auf welchen Bühnen ich meine Musik spielen möchte und das hat bisher immer gepasst. Natürlich kommt man bei Publikum, das einen zuvor noch nicht kannte, mal mehr und mal weniger gut weg, Wenn man die Sache selbst ernst nimmt, hat man normalerweise aber auch keine Probleme, ernst genommen zu werden.
Dein letztes Album liegt einige Zeit zurück, was genau war der Grund für die relativ lange Zeitspanne?
Nun, das erste Album „Jay Farmer ist raus aus den Federn“ kam Ende 2007 raus. Ich hab dann Ende 2008 ein Mixtape mit dem Titel „Der Neuzeit Bundschuh“ nachgelegt. Dieses gibt es auch nach wie vor als kostenlosen Download auf www.jayfarmer.de . Mir kam die Zeit bis zum jetzigen Album eigentlich gar nicht so lange vor. Ich wollte jedoch mit einem neuen Album wieder ein kompaktes, stimmiges Werk abliefern, was jedoch nicht zu stark nach dem Ersten klingt. Ich wollte es rockiger und noch rauer als „Raus aus den Federn“ haben und dieses Jahr war es dann soweit, dass ich mir gesagt habe, die Titel harmonieren gut miteinander, so kann ich die Sache anpacken und veröffentlichen.
Was erwartet die Hörer auf deinem aktuellen Album „Dorf Rap“?
Klanglich ist „Dorf Rap“ eine Mischung aus Rap, Rock und Country-Elementen. Bisher habe ich die Beats meiner beiden Alben „Raus aus den Federn“ und das aktuelle Album „Dorf Rap“, bis auf einen Beat auch komplett selbst produziert. Auf Dorf-Rap waren auch noch zwei Gitarristen sowie ein Bluesharp-Spieler mit im Studio und haben einige Spuren live eingespielt. Als Features sind wieder die üblichen Verdächtigen aus meinem direkten Umfeld zu hören, DJ Spliff Cut, Zig Black, Mona, Raphael Pompe und meine Kaffjungs von Backwoods Bunch, mit denen ich erstmalig einen kompletten Song im badischen Dialekt aufgenommen und ebenfalls auf „Dorf-Rap“ mit draufgepackt habe.
Du hast seit diesem Jahr auch eine eigene Band, woher kam der Reiz, bzw. die Idee eine eigene Band zu organisieren?
Das ist richtig. Ich habe für mich selbst immer wieder festgestellt, dass mich Konzerte mit Live-Bands einfach viel mehr mitreißen, als die Standard-Konstellation, Rapper & DJ. Da ist viel mehr Action auf der Bühne, man ist sehr flexibel und der Sound macht einfach mehr Druck. Inzwischen habe ich eine komplette Liveband mit Bass, Gitarre und Schlagzeug zusammentrommeln können und davon möchte ich natürlich auch gerne bei den kommenden Produktionen profitieren. Ich bin sehr begeistert davon, wie die Jungs meine bisherigen Songs für Liveauftritte umgesetzt haben. Mit Zig Black und Mona habe ich außerdem noch ne bärenstarke gesangliche Unterstützung mit auf der Bühne. Die sind alle sehr erfahrene und talentierte Musiker. Wir harmonieren alle sehr gut miteinander und ich habe große Erwartungen in die kommenden Projekte und die hoffentlich zahlreichen kommenden Auftritte.
Du hast vor kurzem das Dorf verlassen und bist in die große weite Welt gereist, genauer gesagt nach Amerika. Wo genau warst du und was war der Grund deiner Reise?
Es war nun bereits mein dritter USA-Aufenthalt. Dieses Mal hauptsächlich, um Urlaub zu machen und das Land zu erkunden. Gestartet sind wir in San Francisco und dann ging es mit dem Mietwagen über diverse Parks, bis nach Vegas und von dort noch abschließend nach New York. War insgesamt wirklich ganz großes Kino und absolut beeindruckend, was wir alles gesehen und erlebt haben. Unter anderem waren wir in einer alten, verlassenen Goldgräberstadt, dort sind auch einige der Fotos, die ihr hier sehen könnt, entstanden. Auch ein kurzer Stop am Folsom Prison war drin, für mich als Johnny-Cash-Fan ebenfalls ein Highlight und als Abschluss der Reise haben wir uns dann noch einen Besuch auf dem „Rock The Bells“-Festival in New York gegönnt. Wu Tang, Nas, Cypress Hill, Lauren Hill, Black Star, Black Moon…und alle spielten die alten Klassikeralben komplett durch. War schwer, die Kinnlade wieder hochzukriegen an diesem Tag. Schaut euch unbedingt mal ein paar Youtube-Videos von diesem Festival an, das war wirklich ein dicker fetter Brocken Hip-Hop-Geschichte, den wir hautnah miterleben durften.
Welche Erfahrungen konntest du mit in die Heimat bringen?
Eigentlich nur eine: Reisen und sich die Welt anschauen zu können, ist eine Sache, für die es sich lohnt, hart zu arbeiten.
Hast du auch ein paar nette Souvenirs ergattern können?
Aber hallo. Ein Festivalshirt vom Rock The Bells, einen neuen Hut und eine neue Stierkopf-Gürtelschnalle.
Woher waren die Federn und der Weizen in dem Promo-Paket für unsere Redaktion?
Federn, mein lieber Stadtmensch, findet man an Geflügeltieren wie z.B. Hühnern oder Gänsen und Weizen wächst am Besten in einem nahrhaften Ackerboden wie er in meinem Kaff vorhanden ist. Spaß beiseite, die Sachen in deinem Paket stammen wirklich alle aus meinem Kaff, gibt’s hier in Hülle, Fülle, Gülle…hatte ich mir auch erst überlegt noch mit reinzupacken, aber ob du es dann immer noch witzig gefunden hättest?
Gibt es ein Leben neben der Musik und wenn ja, wie sieht dieses aus?
Ich bin gerade in meinem zweiten Berufsjahr als Lehrer an einer Realschule in Mannheim. Ich unterrichte dort Sport und Englisch und dank meines Rektors, dem ich beim Bewerbungsgespräch von meiner musikalischen Freitzeitbeschäftigung erzählt habe, außerdem noch fachfremd Musik. Wobei ich ja nicht soooo fachfremd bin. Auf jeden Fall eine tolles Angebot für mich, das ich gerne wahrgenommen habe.
Wo liegt der große Vorteil in einem Kaff zu wohnen?
Ist schwierig diese Frage zu beantworten, da ich nie in der Stadt gelebt habe. Ich weiß nur, dass ich mich hier aufm Dorf wohl und vor allem zuhause fühle.
Weitere Infos zu Jay Farmer findet ihr auf seiner Webseite.




































